Histaminintoleranz, Pseudoallergie, Histadelie, biogene Amine, Nahrungsmittel- unverträgichkeit vom IgG1-4-Typ

von | 18. Juni 2011 | Publikationen

1% der deutschen Bevölkerung leiden unter einer Histaminintoleranz. Vornehmlich sollen Frauen davon betroffen sein; ich denke aber, dass diese mit dem Problem eher zum Arzt kommen und nur deshalb häufiger diese Diagnose erhalten. Solche Beschwerden können auch durch eine erhöhte bakterielle Spaltungsaktivität für Fructose und Sorbit oder Mangel an dem milchzuckerspaltendem Enzym Lactase erzeugt werden. Diese Empfindlichkeit gilt als Ursache für Symptome wie: Kopfschmerz/Migräne, gastrointestinale Symptome wie Flatulenz (Blähungen), breiige bis flüssige Stuhlgänge, Bauchkrämpfe, Sodbrennen, Magenentleerungsstörung, Hypotonie, also zu niedriger Blutdruck, Herzrhythmusstörungen bei ansonsten unauffälliger kardiologischer Befunderhebung, Dysmenorrhoen (Regelbeschwerden), Urticaria (Nesselsucht), chronische Schnupfenbeschwerden mit Räuspern, Nasenlaufen, verstopften Nasennebenhöhlen und späterer Superinfektion, asthmatischen Beschwerden, Schlafstörungen, situative Ängste, wenn die Symptome auftreten.
Bei solchen Beschwerden schauen wir immer nach der Aktivität der Diaminooxidaseaktivität (DAO). Das ist ein Enzym, welches Histamin abbauen kann. Bei Darmbeschwerden können wir auch mit einem Spezialtestset das Histamin im Stuhl bestimmen. So kann man das Verhältnis von Histaminmenge zu Enzymaktivität und geschilderten Symptome zu einander in reproduzierbare Beziehung bringen.
Das ist von Bedeutung, weil die Beschwerden durchaus auch bei einer normalen Enzymaktivität auftreten können, wenn denn dessen Kapazität durch zu viel Histamin einfach erschöpft wird.
Die Diaminooxidase sitzt auf der Darmschleimhaut, welche die wichtigste Barriere gegen Histamin aus dem Darm für den Körper darstellt. Die DAO benötigt für ihre Aktivierung Vitamin B6, welches bei einseitiger Ernährung, eiweißlastiger Kost, Einnahme von Kontrazeptiva, Kryptopyrolurie leicht  in verminderter Menge vorliegen kann.
Eine weitere Möglichkeit ist die Bestimmung des Methylhistamins im auf Salzsäure oder Eisessig gesammelten 24-Stunden-Sammelurin. Erhöhte Werte weisen auf eine eingeschränkte Aktivität der in den Zellen gelegenen Histamin-N-Methyltransferase. Dieses Enzym schützt besonders die empfindlichen Zellen des zentralen Nervensystems vor einer Histaminüberflutung.
Histamin teilt sich mit Serotonin, Noradrenalin, Acetylcholin den H-3-Rezeptor im Gehirn und kann diese Botenstoffe vom Rezeptor verdrängen. Dadurch lassen sich viele psychische Symptome erklären. Es wirkt aber auch an den H1 und H2-Rezeptoren. Normalerweise wird Histamin im Hypothalamus, dem zentralen Steuerungsorgan für vegetative Funktionen im Körper, produziert.
Psychosen, Depressionen, ADHS, Müdigkeitssyndrome, chr. Kopfschmerzen, Suchtpotentiale, Störungen im Gedankenablauf, unnatürliche Ängste, übersteigertes Schmerzempfinden, Geistesabwesenheit, Ritual- oder Zwangsverhalten, Schlaflosigkeit, Stimmungsschwankungen, erhöhter Speichelfluss etc. sollten auch immer auf diesen Mechanismus untersucht werden.
So können wir anfangs ohne eine Untersuchung bereits empfehlen sich histaminarm zu ernähren. Das Internet bietet hierzu viele Lsiten, anhand derer man sich ähnlich ener Nährwerttabelle zunächst die Nahrungsmittel ißt, die wenig Histamin enthalten.
Zu meiden ist also grundsätzlich:
Wurstwaren, besonders Dosenwurst, Fleischextrakte, Dauerwurst, luftgetrocknete und geräucherte bzw. nitritpökelsalzhaltige Fleischwaren,
getrocknete, gesalzene, marinierte oder geräucherte Fischwaren, besonders Makrele, Thunfisch, Sardellen und alle Meeresfrüchte (Muscheln)
harte und lange gereifte Käsesorten wie Emmentaler, Parmesan, aber auch frische Schimmelkäse wie Camenbert, Roquefort,
Spinat, Sauerkraut, Tomaten und deren Produkte, Auberginen, Pilze, Soja
Erdbeeren, Zitrusfrüchte, Bananen, Birnen, Nüsse, Ananas, Konserven und Säfte der genannten Früchte,
– Weizen- und Hefeprodukte, achten Sie auch auf die Geschmacksverstärker, ein Synonym dafür sind Hefeextrakte,
Essig, vor allem Balsamicoessig, Kakao, Schokolade, Bier, vor allem Hefebier, Export wird am besten vertragen, Wein, vor allem Rotwein, aber der Alkohol an sich schwächt auch die Enzymaktivität der DAO.
 zu bevorzugen wäre
+ Bratenaufschnitt sowie frisches Fleisch mit kurzer Lagerzeit
+ absolut fangfrischer Fisch oder entsprechend tiefgefrorener Fisch, dieser muss aber im Kühlschrank auftauen, denn bei Raumtemperatur entstehen bereits wieder biogene Amine (Histamin)
+ Milch, Quark, Joghurt, Frischkäse,
+ alle nicht aufgeführten Gemüsesorten möglichst frisch oder frisch aufgetaut und sofort verzehrt,
+ Äpfel, Melonen, Aprikosen etc.
+ Nudeln, Reis, Mais, Kartoffeln.
Oft geht es einem damit schon besser und wen man nur ein Nahrungsmittel aus der zu meidenden Gruppe ißt, geht es auch, wenn man aber zwei nimmt, kann die Enzymkapazität bereits eschöpft sein.
Die DAO wird vor allem im Darm, in der Niere und während der Schwangerschaft im Mutterkuchen gebildet. Daher geht es vielen Schwangeren ab dem dritten Schwangerschaftsmonat bei solche histaminabhängigen Beschwerden auch besser.
Eine Erniedrigung der Enzymaktivität findet sich  bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, chronischem Nierenversagen und bei Krebserkrankungen im Darm.
Im Verlauf der Diagnostik könnte also auch einmal eine Darmspiegelung anstehen. Oft wird hier dann nichts gefunden im Hinblich auf Krebs, aber oft auch nicht im Hinblick auf die chronische Darmentzündung, die ja nicht immer mit Blutung, Rötung, Schwellung einhergehen muss, sondern auch als sogenannte mikroskopische Darmentzündung daherkommen kann. Nun werden ja auch dort Proben aus der Schleimhaut genommen, wenn ich aber, weil ja nicht sichtbar, in einem Bereich die Probe nehmen, wo gar keine Entzündung ist, ist der Befund falsch gesund.
Deshalb geben wir dem Patienten drei Stuhlröhrchen mit, die er bitte aus den drei einem Krankheitssymptom folgenden Stühlen befüllen soll. Wir suchen dann nach Calprotectin, alpha-1-Antitrypsin, Pancreaselastase, sIgA und ggf. auch nach Histamin. So kann man sehr schön zeigen, dass das Problem nicht psychisch, sondern biochemisch ist.
Ansonsten suchen wir nach Nahrungsmittelallergien, die selten positiv sind und besonders nach Nahrungsmittelunverträglichkeiten vom IgG1-4-Typ.
Wenn dieses vorliegt, werden nämlich von eigentlich gesunden Nahrungsmitteln Abwehrreaktionen im Körper ausgelöst, die zu NO- und Histaminfreisetzung und damit zu Entzündung führen, die die DAO-Aktivität schwächen und auch die für den Abbau der die in den Zellen aufgetretene Histaminfreisetzung verantwortliche Histamin-N-Methyltransferase (HNMT) überfordern können.
Aber auch eine Fehlverdauung durch eine eingeschränkte exkretorische Aktivität der Bauchspeicheldrüse, die die Verdauungsenzyme im Zwölffingerdarm dem Speisebrei beimischt, kann dazu führen, dass unvollständig verdaute Nahrung im Dickdarm durch die Fäulnisflora nachverdaut wird. (Daher bestimmen wir die Pancreaselastase als diagnostischen Fingerzeig mit.) Dabei entstehen dann auch biogene Amine (Histamin) und andere Gifte wie Ammoniak und Fuselalkohole, die man natürlich auch messen kann, was aber für die Diagnose und Therapie nur selten notwendig ist.
Durch solche Wachstumsvorteile für die Fäulnisflora werden dann entzündungsfördernde Lipopolysaccharide freigesetzt, die den Darm im Sinne eines leaky gut syndroms, durchlässig machen können, die aber auch die Bluthirnschranke angreifen und dort vielfältige Symptome bis hin zu Hyperaktivitätssyndromen auslösen kann.
Das Leaky gut syndrom ist die Ursache für das Auftreten von Nahrungsmittelunverträglichkeiten vom IgG1-4-Typ und kann aber auch durch starke körperliche Aktivität im Leistungsgrenzbereich ausgelöst werden.
Differentialdiagnostisch ist auch an eine Mastozytose zu denken, dafür wäre die Tryptase ein diagnostischer Parameter.
Wegen des Verdachtes auf erhöhte bakterielle Spaltungsaktivität für Fructose und Sorbit lassen wir diese im Stuhl bestimmen.
Bei dem Verdacht auf Milchzuckerunverträglichkeit liegt meistens eine eingeschränkte Toleranz vor, die man individuell durch das Trinken definierter Milchmengen austitrieren kann. Das Ergebnis der willkürlich gewählten Grenze der H2-Atemgasmenge nach Lactosebelastung hilft demjenigen, der das Problem der Gasbildung hat, dieses als unangenehm empfindet, aber nicht unter diese Grenze fällt, äußerst wenig, der er muss dennoch seine persönliche Verträglichkeitsgrenze austitrieren. Wer trotzdem mehr Milchzucker möchte, kann sich mit lactasehaltigen Tabletten aus der Apotheke ergänzen.
Therapeutisch kommen
die histaminarme,
die fruktose- und sorbit- und milchzuckerarme,
die, im Sinne der Darmsymbioselenkung, leaky-gut sanierende,
die IgG-pos. getestete Nahrung zu meidende und später wieder rotierend in den Speiseplan aufzunehmende Lebensmittel
in Frage. 
Orthomolekularmedizisch können Vitamin C, Calcium, Niacin, Vitamin B6, Zink und Omega-3-FS, oligomere Procyanidine, Flavonoide wie Resveratrol etc. indiziert sein.
In der akuten Phase können auch unterstützend Antihistaminika, Mastzellstabilisatoren und DAO in Tablettenform zu Einsatz kommen
Als Link für eine hoch wissenschaftliche Aufarbeitung dieses Themas verweise ich auf:
http://www.orthomedis.ch/biogene
%20amine%20neu.htm
Presse: "Histaminintoleranz und Nahrungsmittelallergie"
Patientenvortrag in der Delmenhorster Selbsthilfegruppe.
http://www.nwzonline.de/Region/Stadt/Delmenhorst/Artikel/1861738/Histaminintoleranz
+und+Nahrungsmittelallergie.html
Der Springer Verlag veröffentlicht :
http://www.springer-gup.de/de/pharmazie/das_pta_magazin/2309-Allergisch_auf_das_Essen/
 Beachten Sie bite auch den Artikel zur Histapenie, also zu wenig Histamin !!!
Unter der Recherche nach histaminergen Neuronen fand ich eine tolle Zusammenfassung der dosisabhängigen Histaminwirkung im Gehirn und dessen Auswirkung.
 Davon weitergeleitet fand ich einen sehr guten Artikel von Brigitte van Hattem, die über die Beziehung von Histaminose und Serotoninmangel berichtet.
  

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