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Dr. Wiechert Gesundheitsnewsletter vom 30.08.2026
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Praxis für individuelle Diagnostik und Therapie
In meiner Info-Videothek können Sie sich zu verschiedenen
Themen informieren, stöbern Sie ruhig weiter, denn
Sie wissen ja, dass die Quellen meines Wissens stets
benannt werden!
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Was mag die Ursache der Erschöpfung bei LongCov/PostVac oder ME/CFS sein und was sind Therapieoptionen?
Persistent cytolytic CD8+ T cells recognize SARS-CoV-2 and herpesvirus epitopes in long COVID – DOI: 10.1016/j.xcrm.2026.102946
KI-gestützte Auswertung mit dann nachfolgendem Kommentar von mir.
Die Pubklikation spricht bei Long COVID weniger für eine einfache „CD8-Schwäche“ als für ein fehlreguliertes CD8-System: Es finden sich vermehrt terminal differenzierte, zytotoxische und teilweise erschöpfte CD8+ T-Zellen mit erhöhtem Granzyme B, CD29 und CD57 sowie Checkpoint-Markern wie PD1, TIGIT oder CD39. Gleichzeitig fehlen relativ eher die „jüngeren“, stem-like, nicht erschöpften CD8-Populationen. Die Autoren interpretieren das erhöhte Granzyme B als mögliche Persistenz einer ursprünglich akuten antiviralen zytotoxischen Antwort, die bei Genesenen normalerweise wieder herunterreguliert wird.
Therapeutisch würde ich daraus nicht ableiten, Granzyme B direkt zu blockieren oder CD8-Zellen pauschal zu stimulieren. Sinnvoller erscheint ein ursachenorientiertes Vorgehen:
1. Antigenischen Dauerreiz suchen und gegebenenfalls reduzieren. Die Studie zeigt die zytotoxische Signatur nicht nur gegenüber SARS-CoV-2, sondern auch gegenüber EBV und CMV. Das spricht dafür, bei entsprechendem Phänotyp nach fortbestehendem SARS-CoV-2-Antigen/Reservoir und nach relevanter Herpesvirus-Reaktivierung zu suchen. Die Autoren diskutieren insbesondere eine mögliche Gewebepersistenz von SARS-CoV-2 sowie CMV-/EBV-Einflüsse. Antivirale Behandlung eines etablierten Long-COVID-Syndroms ist allerdings derzeit noch experimentell und nicht generell evidenzbasiert; beispielsweise werden antivirale Strategien gegen vermutete Viruspersistenz weiterhin klinisch untersucht.
2. CD8-Erschöpfung nicht mit unspezifischer Immunstimulation behandeln. Bei einem Profil aus Granzyme-B-high/CD57-high plus PD1/TIGIT/CD39 besteht gerade das Problem einer chronischen Aktivierung mit eingeschränkter Regenerationsfähigkeit. Mehr T-Zell-Stimulation könnte theoretisch den zytotoxischen Kreislauf weiter antreiben. In der Studie waren die bei Genesenen angereicherten CD8-Zellen dagegen CD127-high, CD57-low, Granzyme-B-low und PD1/TIGIT/CD39-low – also eher langlebig und regenerationsfähig.
3. Checkpoint-Blockade ist hier derzeit keine Routineoption. Obwohl PD1 und TIGIT klassische Erschöpfungsmarker sind, sollte man daraus keinesfalls automatisch schließen, dass PD1-/TIGIT-Hemmung wie in der Onkologie sinnvoll wäre. Bei chronischen Infektionen ist Erschöpfung teilweise auch ein Schutzmechanismus gegen überschießende Gewebeschädigung, und tief erschöpfte Zellen lassen sich zudem nicht einfach dauerhaft „resetten“. Moderne Übersichtsarbeiten beschreiben deshalb eine wesentlich komplexere therapeutische Situation als bloße Checkpoint-Blockade.
4. Interessant ist die SIGLEC–IL-10-Achse. Besonders erschöpfte PD1+/TIGIT+ EBV-spezifische CD8-Zellen korrelierten in Long COVID mit den immunsuppressiven Molekülen SIGLEC7, SIGLEC11 und SIGLEC15. Die Autoren nennen deshalb ausdrücklich die SIGLEC–IL-10-Achse als zukünftigen therapeutischen Ansatz. Das ist allerdings derzeit ein Forschungsansatz und keine etablierte Long-COVID-Therapie.
5. Metabolische Regeneration der T-Zellen dürfte mechanistisch relevant sein. Chronische Antigenexposition verändert den Stoffwechsel erschöpfter CD8-Zellen; mitochondriale Dysfunktion und metabolische Inflexibilität können den Erschöpfungszustand stabilisieren. Forschung untersucht deshalb unter anderem Strategien zur Verbesserung von mitochondrialer Fitness, Substratverfügbarkeit und metabolischer Flexibilität. Das bedeutet klinisch allerdings nicht, dass eine bestimmte Supplementkombination bereits nachgewiesen CD8-Erschöpfung bei Long COVID rückgängig macht.
Für die Praxis würde ich den Befund daher eher als „anhaltende antigengesteuerte zytotoxische Aktivität mit zunehmender CD8-Differenzierung/Erschöpfung“ betrachten. Das therapeutische Ziel wäre nicht primär, Granzyme B isoliert herunterzudrücken, sondern den chronischen Stimulus zu identifizieren, inflammatorische Daueraktivierung zu reduzieren und wieder einen größeren Pool regenerationsfähiger CD8-T-Zellen zu ermöglichen.
Ein mögliches diagnostisch-therapeutisches Schema wäre deshalb: Granzyme B/CD57/CD29 zusammen mit PD1, TIGIT und CD39 beurteilen → virusspezifische Aktivität bzw. EBV/CMV/SARS-CoV-2-Persistenz differenzieren → systemische Entzündung und metabolisch-mitochondriale Belastung mitbeurteilen → dann gezielt den zugrunde liegenden Treiber behandeln, statt das Immunsystem unspezifisch zu stimulieren.
Wichtig ist dabei eine Nuance aus der Arbeit: PD1/TIGIT/CD39 waren global nicht einfach bei allen Long-COVID-Patienten erhöht. Die relevante Information liegt eher in bestimmten CD8-Subpopulationen und ihrer Kombination aus Terminaldifferenzierung, Zytotoxizität und Erschöpfung und nicht einem isolierten Laborwert „CD8-Erschöpfung erhöht“. |
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| Eine weitergehende Diagnostik zur Objektivierung dieser Fragestellung der Erschöpfung der CD8-T-Zellen lässt sich wie folgt gestalten, dabei geht es um den functionel sensitivity Test und den BHI der CD8-Zellen:
Ein Patient kann theoretisch viel Granzyme B produzieren und gleichzeitig funktionell erschöpfte CD8-Zellen haben. „Hohe Aktivität“ bedeutet also nicht automatisch „gute antivirale Immunfunktion“. Chronisch stimulierte CD8-Zellen können stark zytotoxisch geprägt sein, während ihre proliferative Reserve, Differenzierungsfähigkeit oder Reaktion auf erneute Antigenstimulation eingeschränkt ist. Genau dieses Nebeneinander von Zytotoxizität und Erschöpfung beschreibt die Studie. Die bei Genesenen bevorzugten CD8-Zellen waren dagegen eher CD127-high, CD57-low, Granzyme-B-low und PD1/TIGIT/CD39-low, also stärker stem-like und regenerationsfähig.
Daher könnte der functionel sensitivity Test einen zusätzlichen funktionellen Baustein liefern. Besonders interessant wären drei Konstellationen:
- Granzyme B hoch + functional sensitivity niedrig: Das würde sehr gut zu einer chronisch zytotoxisch aktivierten, aber funktionell erschöpften CD8-Population passen. Die Zellen sind gewissermaßen bereits stark „auf Effektor programmiert“, reagieren auf neue Stimulation aber nur noch eingeschränkt.
- Granzyme B hoch + functional sensitivity hoch: Dann wäre eher an eine weiterhin ausgeprägte antigengesteuerte Aktivierung zu denken. Hier sollte man besonders nach einem persistierenden viralen Stimulus bzw. einer Reaktivierung suchen.
- Granzyme B normal/niedrig + functional sensitivity niedrig: Das wäre eher ein Bild einer allgemein verminderten CD8-Funktionsreserve und weniger das in der Long-COVID-Arbeit beschriebene hyperzytotoxische Muster.
Gerade die erste Konstellation wäre immunologisch besonders spannend, weil sie eine Brücke zwischen den beiden Beobachtungen schlagen würde, nämlich einerseits Granzyme-B-high als persistierende zytolytische Signatur, andererseits eingeschränkte funktionelle Reserve als Ausdruck von Exhaustion. Die Arbeit zeigt, dass Granzyme B bei Genesenen im Verlauf zurückgeht, während es bei Long COVID persistieren kann; die Autoren interpretieren dies als fehlendes Herunterregulieren einer ursprünglich akuten zytotoxischen Antwort.
Der bioenergetischen Gesundheitsindex der CD8+ T-Zellen untersucht unter anderem mitochondrialer Sauerstoffverbrauch, Reserveatmungskapazität, Kopplungseffizienz, glykolytische Reserve und – in der erweiterten Version – ATP-Produktion und Mitochondrienparameter untersucht. Die Kombination aus functional sensitivity + CD8-Bioenergetik + Granzyme B/Exhaustion-Phänotyp könnte deshalb wesentlich informativer sein als einer dieser Tests allein.
Für eine differenzierte Long-COVID-/Post-Vac-Diagnostik wären vier Ebenen unterscheiden:
1. zytotoxischer Status mit Granzyme B/CD29/CD57,
2. Exhaustion-/Differenzierungsstatus mit PD1/TIGIT/CD39/CD127 bzw. entsprechenden T-Zell-Subsets,
3. funktionelle Aktivierbarkeit über den Functional-sensitivity-Test und
4. metabolische Reserve der CD8-Zelle über die Bioenergetik.
Erst die Kombination könnte unterscheiden, ob man es primär mit persistierender Antigenaktivierung, funktioneller Erschöpfung, metabolischer Erschöpfung oder einer Mischform zu tun hat.
Damit ist die Erweiterung der Diagnostik in genau diesem Kontext durchaus sinnvoll – aber nicht als Ersatz für Granzyme-B-/Exhaustion-Diagnostik, sondern als funktionelle Ergänzung. Besonders wertvoll könnte er werden, wenn man ihn im Verlauf vor und nach einer Therapie misst.
Ursprünglich bin ich über diesen Artikel auf die Studie gestossen: https://www.pharmazeutische-zeitung.de/erschoepfte-zytotoxische-t-zellen-als-krankheitstreiber-167223/seite/alle/?cHash=2619d288b53a04e002368b0d734b2a4b |
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__________________________________________________________________________ Mein Fazit ist also die Kombination der von mir zusammengetragenen Diagnostik, die Vermeidung einer Immunstimulation und dafür eher eine Modulation sowie im Einzelfall eine zeitlich begrenzte gezielte antivirale Therapie zur Erholung der CD-8-Zellen und Reduktion des Triggers und Optimierung der mitochondrialen Mikronährstoffe, des oxidativen Stressprofils und der Microbiom-Metabolom-Situation im Stuhl/Darm. Zur Publikation anstehende Daten aus einer Gruppe der ME/CFS und Post-Cov/Vac-Patienten im Zusammenhang der intravenösen Sauerstofftherapie nach Dr. Regelsberger mit der Messung der proinflammatorischen Zytokine, antiinflammatorischen Zytokine, Chemokine, Wachstumsfaktoren, Interferone, koloniestimulierenden Faktoren, immunregulatorischen Mediatoren beinhaltet auch Granzyme B. Die Divergenz der Ergebnisse bei unterschiedlichen Ausgangssituationen lehrt, wie vorsichtig in diesen Patientengruppen vorzugehen ist, denn auch die Therapie erfordert ein Pacing. |
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Morbus Crohn und Colitis ulcerosa: Welche Rolle spielen Mitochondrien, Darmbakterien und Vitamin B3?
Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa werden meist als Erkrankungen des Immunsystems verstanden. Tatsächlich spielen fehlgeleitete Immunreaktionen eine zentrale Rolle. Inzwischen zeigt die Forschung jedoch immer deutlicher, dass noch weitere Faktoren beteiligt sind: die Darmbarriere, das Darmmikrobiom und der Energiestoffwechsel der Darmzellen. Besonders in den Fokus geraten dabei die Mitochondrien. Sie werden oft als „Kraftwerke der Zelle“ bezeichnet, weil sie einen großen Teil unserer Zellenergie in Form von ATP erzeugen. Doch Mitochondrien können wesentlich mehr. Sie beeinflussen, wie Zellen mit Stress umgehen, wie sie sich erneuern, welche Entzündungssignale entstehen und wie gut Gewebe regenerieren kann.
Gerade im Darm ist das von großer Bedeutung. Die Darmschleimhaut ist ein Hochleistungsorgan Die Darmschleimhaut trennt unseren Körper von Billionen Darmbakterien, Nahrungsbestandteilen und Fremdstoffen. Gleichzeitig muss sie Nährstoffe aufnehmen und mit dem Immunsystem kommunizieren. Die Zellen dieser Schleimhaut werden ständig erneuert. Dafür benötigen sie viel Energie und funktionierende Mitochondrien.
Untersuchungen von Darmbiopsien zeigen, dass bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa Teile der mitochondrialen Atmungskette verändert sein können. Auch Hinweise auf eine verminderte mitochondriale Masse wurden gefunden. Das bedeutet nicht, dass eine mitochondriale Störung allein eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung auslöst. Sie könnte jedoch dazu beitragen, dass sich eine geschädigte Darmschleimhaut schlechter erholt.
Besonders interessant beim Morbus Crohn: Paneth-Zellen Beim ilealen Morbus Crohn, also bei einer Beteiligung des unteren Dünndarms, interessieren sich Forschende besonders für sogenannte Paneth-Zellen. Diese Zellen produzieren antimikrobielle Substanzen und helfen dabei, die Zusammensetzung der Darmflora zu kontrollieren. Gleichzeitig unterstützen sie die Stammzellen der Darmschleimhaut. Studien konnten zeigen, dass eine Störung der mitochondrialen Funktion intestinaler Stammzellen dazu führen kann, dass sich daraus funktionsgestörte Paneth-Zellen entwickeln. Bemerkenswert ist, dass entsprechende Veränderungen zum Teil auch in Darmabschnitten gefunden wurden, die nicht stark entzündet erschienen. Damit stellt sich eine wichtige Frage: Sind geschädigte Mitochondrien nur eine Folge der Entzündung – oder tragen sie bei manchen Patienten selbst dazu bei, dass die Erkrankung bestehen bleibt?
Die bisherigen Daten sprechen dafür, dass wahrscheinlich beides gleichzeitig zutrifft. Mitochondrien und Darmbakterien beeinflussen sich gegenseitig Eine viel beachtete Arbeit der Technischen Universität München aus dem Jahr 2024 liefert hierzu wichtige Hinweise. Forschende schädigten gezielt die Mitochondrien von Darmepithelzellen bei Mäusen. Daraufhin veränderte sich nicht nur die Darmschleimhaut, sondern auch die Zusammensetzung des Darmmikrobioms. Besonders interessant war: Unter keimfreien Bedingungen fiel ein Teil der Darmschädigung deutlich geringer aus. Das spricht für einen wechselseitigen Zusammenhang. Ein ungünstiges Mikrobiom kann die Darmschleimhaut schädigen. Umgekehrt können aber offenbar auch Veränderungen des Stoffwechsels der Darmzellen die Lebensbedingungen für bestimmte Bakterien verändern. Daraus könnte ein Teufelskreis entstehen: Mitochondrialer Stress → veränderter Zellstoffwechsel → verändertes Darmmilieu → Dysbiose → weitere Schädigung der Darmbarriere → Immunaktivierung → noch mehr mitochondrialer Stress.
Dieses Modell könnte erklären, warum bei CED häufig nicht der eine Auslöser gefunden werden kann.
Mitochondrien können selbst Entzündungssignale freisetzen Geschädigte Mitochondrien erzeugen häufig vermehrt sogenannte reaktive Sauerstoffspezies, kurz ROS. In kleinen Mengen sind diese Moleküle normale Signalstoffe. Werden jedoch zu viele produziert, können sie Zellmembranen, Proteine und Erbmaterial schädigen. Zusätzlich kann mitochondriale DNA freigesetzt werden.
Das ist für das Immunsystem besonders interessant, weil Mitochondrien evolutionär von Bakterien (Rickettsien) abstammen. Ihre DNA besitzt deshalb Eigenschaften, die das Immunsystem als Gefahrensignal erkennen kann.
Bei Patienten mit aktiver chronisch-entzündlicher Darmerkrankung wurden tatsächlich erhöhte Mengen freier mitochondrialer DNA im Blut gefunden. Diese standen mit der Krankheitsaktivität in Zusammenhang.
Das eröffnet eine neue therapeutische Idee: Möglicherweise könnte man nicht erst die fertige Entzündungsreaktion hemmen, sondern bereits vorher den mitochondrialen Zellstress reduzieren.
MitoQ: kein ATP-Booster In diesem Zusammenhang wird häufig MitoQ diskutiert. MitoQ ist eine chemisch veränderte Form eines Coenzym-Q-ähnlichen Moleküls, das sich aufgrund seiner positiven Ladung bevorzugt in Mitochondrien anreichert.
Dabei besteht jedoch ein häufiges Missverständnis. MitoQ ist kein besonders gut verfügbares Coenzym Q10 zur Steigerung der ATP-Produktion. Normales Coenzym Q10 transportiert innerhalb der mitochondrialen Atmungskette Elektronen zwischen verschiedenen Enzymkomplexen. MitoQ kann diese Funktion nicht vollständig übernehmen. Seine Hauptaufgabe besteht vielmehr darin, als mitochondriengerichtetes Antioxidans zu wirken. In Zellmodellen können hohe Konzentrationen von MitoQ sogar Teile der Atmungskette hemmen und die ATP-Produktion reduzieren. Daraus darf jedoch nicht geschlossen werden, dass MitoQ beim Menschen grundsätzlich die Energieproduktion senkt.
Humanstudien zeigen vielmehr, dass MitoQ oxidativen Stress in Mitochondrien reduzieren kann, ohne zwangsläufig die mitochondriale Atmung zu beeinträchtigen.
Für CED ist MitoQ daher vor allem unter einer anderen Fragestellung interessant: Kann die Verringerung mitochondrialer ROS die Entzündung der Darmschleimhaut abschwächen?
Bei Colitis ulcerosa wird dieser Ansatz bereits klinisch untersucht.
Coenzym Q10: Mehr im Blut bedeutet nicht automatisch mehr im Mitochondrium Auch bei normalem Coenzym Q10 ist Vorsicht mit Werbeaussagen geboten. CoQ10 ist tatsächlich unverzichtbar für die mitochondriale Atmungskette. Daraus folgt jedoch nicht automatisch: Mehr CoQ10 einnehmen = mehr CoQ10 im Mitochondrium = mehr ATP.
Eine aktuelle kontrollierte Humanstudie zeigte eindrucksvoll, dass 400 mg CoQ10 täglich den CoQ10-Spiegel im Blut deutlich erhöhten. Im Muskelgewebe und in isolierten Muskelmitochondrien ließ sich jedoch keine entsprechende Zunahme feststellen.
Auch die mitochondriale Atmung und die maximale Sauerstoffaufnahme verbesserten sich nicht. Das bedeutet nicht, dass CoQ10 grundsätzlich unwirksam ist. Bei echtem CoQ10-Mangel oder bestimmten Erkrankungen kann die Situation anders aussehen. Es zeigt aber, dass ein hoher Blutspiegel nicht automatisch etwas über die Versorgung der Mitochondrien aussagt. |
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| Vitamin B3 und NAD+: besonders interessant bei Colitis ulcerosa
Ein weiterer neuer Forschungsansatz betrifft Nicotinamid, eine Form von Vitamin B3. Aus Nicotinamid kann der Körper NAD+ herstellen. Dieses Molekül ist für zahlreiche Stoffwechselvorgänge unverzichtbar, insbesondere für die Energiegewinnung in den Mitochondrien. NAD+ wird außerdem für DNA-Reparatur, Zellstressregulation und verschiedene Immunfunktionen benötigt.
Bei chronischer Darmentzündung verändert sich der NAD+-Stoffwechsel. Besonders spannend ist, dass Nicotinamid offenbar nicht nur die menschlichen Zellen beeinflusst, sondern auch den Stoffwechsel der Darmbakterien.
Eine 2025 in Nature Metabolism veröffentlichte Studie von Stefan Schreiber, Georg Waetzig und weiteren Forschenden zeigte, dass Nicotinamid das metabolische Potenzial des Darmmikrobioms verändern kann. Die Untersuchung wurde zwar bei Patienten mit leichtem bis mittelschwerem COVID-19 durchgeführt, das zugrunde liegende Prinzip ist jedoch für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen äußerst interessant.
Eine weitere Humanstudie fand bei Patienten mit Colitis ulcerosa weniger Nicotinamid im Stuhl als bei gesunden Personen. Gleichzeitig waren bakterielle Gene vermehrt vorhanden, die am Abbau von Nicotinamid beteiligt sind.
Das legt die Vermutung nahe, dass bei Colitis ulcerosa nicht nur der Stoffwechsel der Darmzellen verändert sein könnte, sondern auch die Art und Weise, wie Darmbakterien mit Vitamin B3 umgehen.
Nicotinamid gezielt in den Dickdarm bringen? Daraus ergibt sich eine interessante therapeutische Idee. Normales Nicotinamid wird nach oraler Einnahme bereits relativ früh im Verdauungstrakt aufgenommen. Möchte man dagegen gezielt das Darmmikrobiom und die Darmschleimhaut beeinflussen, wäre eine Freisetzung erst im unteren Dünndarm oder Dickdarm möglicherweise sinnvoller. Genau ein solcher Ansatz wird inzwischen klinisch bei Colitis ulcerosa untersucht. Dabei wird Nicotinamid so formuliert, dass es kontrolliert im ileokolischen Bereich freigesetzt wird. Interessant ist auch die Frage einer rektalen Anwendung. Bereits frühere Untersuchungen testeten bei Colitis ulcerosa Einläufe mit Nicotinsäure, einer anderen Form von Vitamin B3. Dabei wurden zwar positive Ergebnisse beobachtet, allerdings enthielten die verwendeten Klysmen gleichzeitig weitere Medikamente. Deshalb lässt sich nicht sicher sagen, wie groß der eigenständige Effekt der Nicotinsäure tatsächlich war.
Nicotinamid und Nicotinsäure dürfen zudem nicht gleichgesetzt werden. Nicotinsäure beeinflusst insbesondere den HCAR2-Rezeptor. Der HCAR2-Rezeptor (Hydroxycarbonsäure-Rezeptor 2, auch bekannt als GPR109A oder Niacin-Rezeptor 1) ist ein G-Protein-gekoppelter Rezeptor auf menschlichen Zelloberflächen. Er dient als Sensor für den Stoffwechsel- und Immunstatus des Körpers. Der Rezeptor wird durch körpereigene (endogene) Substanzen und medizinische Wirkstoffe aktiviert. β-Hydroxybutyrat (BHB): Ein Ketonkörper, der beim Fasten oder bei ketogener Ernährung entsteht. Butyrat (Buttersäure): Eine kurzkettige Fettsäure, die von gesunden Darmbakterien gebildet wird. Niacin (Vitamin B3): Wird hochdosiert als Arzneistoff eingesetzt. Monomethylfumarat (MMF): Der Wirkstoff von Medikamenten gegen Psoriasis und Multiple Sklerose. Nicotinamid wirkt stärker über den NAD+-Stoffwechsel.
Eine gezielte rektale Nicotinamidtherapie bleibt deshalb derzeit ein interessanter Forschungsansatz, ist aber noch keine etablierte Behandlung. Auch Vitamin B2 und Butyrat könnten eine Rolle spielen
Weitere Hinweise gibt es für Riboflavin, also Vitamin B2. B2 wird für FMN und FAD benötigt, zwei Cofaktoren, die unmittelbar an der mitochondrialen Atmungskette und der Fettsäureverbrennung beteiligt sind.
Bei Patienten mit Morbus Crohn wurden nach einer kurzzeitigen hoch dosierten Riboflavingabe Verbesserungen verschiedener Redox- und Entzündungsmarker beobachtet.
Allerdings war diese Studie nicht placebokontrolliert. Sie liefert daher interessante Hinweise, aber noch keinen Beweis für eine eigenständige Crohn-Therapie mit Vitamin B2.
Ein weiterer Kandidat ist Butyrat. Diese kurzkettige Fettsäure wird von bestimmten Darmbakterien aus Ballaststoffen hergestellt und dient den Zellen des Dickdarms als wichtige Energiequelle. Butyrat beeinflusst gleichzeitig die Darmbarriere und das Immunsystem. Erste klinische Untersuchungen, insbesondere bei Colitis ulcerosa, liefern positive Signale. Auch hier gilt jedoch: Butyrat ist kein Ersatz für eine wirksame antientzündliche CED-Therapie . Was bedeutet das für Menschen mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa? Die neuen Erkenntnisse sind spannend, sollten aber nicht missverstanden werden. Derzeit gibt es keine allgemein anerkannte „Mitochondrientherapie“ für CED. Etablierte Medikamente wie Mesalazin, Kortikosteroide, Immunsuppressiva, Biologika oder moderne Small Molecules bleiben je nach Erkrankung und Aktivität wichtige Säulen der Behandlung.
Die Stoffwechselforschung könnte diese Therapien künftig jedoch ergänzen. Bereits heute ist es sinnvoll, bei CED behandelbare Mangelzustände konsequent zu erkennen, zum Beispiel Eisen-, Vitamin-B12-, Folat-, Vitamin-D- oder Zinkmangel. Bei Patienten mit ausgeprägter Fatigue, Muskelsymptomen oder Belastungsintoleranz können in speziellen Fällen auch Untersuchungen von Carnitin, Acylcarnitinen, Vitamin B1, B2, CoQ10, Aminosäuren oder dem Tryptophan-Kynurenin-Stoffwechsel interessant sein.
Viele weitere Untersuchungen – beispielsweise mitochondriale DNA, direkte Messungen der mitochondrialen Atmung oder spezielle mikrobielle Stoffwechselprodukte – gehören dagegen noch überwiegend in den Forschungsbereich.
Was bedeutet das praktisch? Die entscheidende Botschaft lautet nicht: „Menschen mit CED brauchen mehr Nahrungsergänzungsmittel.“
Interessanter ist die Frage, ob sich in Zukunft unterschiedliche metabolische Untergruppen von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa erkennen lassen.
Ein Patient mit ausgeprägter Paneth-Zell- und mitochondrialer Dysfunktion könnte möglicherweise eine andere Zusatztherapie benötigen als ein Patient, bei dem vor allem der NAD+-Stoffwechsel oder bestimmte mikrobielle Stoffwechselwege verändert sind. Genau darin könnte langfristig ein wichtiger Schritt hin zu einer stärker personalisierten Behandlung chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen liegen.
Fazit Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind offenbar wesentlich komplexer als reine Erkrankungen eines überaktiven Immunsystems.
Mitochondrien, Darmbarriere und Mikrobiom kommunizieren ständig miteinander. Wird einer dieser Bereiche gestört, können sich die anderen Systeme ebenfalls verändern.
Damit entsteht möglicherweise ein Kreislauf aus Stoffwechselstörung, Dysbiose, Barriereschädigung und Entzündung.
Neue Forschungsansätze mit Nicotinamid, mitochondrialen Antioxidantien, Butyrat oder bestimmten Mikronährstoffen versuchen deshalb, nicht nur das Immunsystem zu beeinflussen, sondern auch den Stoffwechsel der Darmzellen und des Mikrobioms. Ob daraus künftig neue etablierte Therapien entstehen, müssen laufende klinische Studien zeigen.
Die wissenschaftliche Entwicklung weist jedoch in eine klare Richtung: CED sollte zunehmend als Erkrankung eines komplexen Netzwerks aus Immunsystem, Mikrobiom, Darmbarriere und Zellstoffwechsel verstanden werden.
Daher gehört zu meinen Diagnostiken neben den Leitkeimen des Dünn- und Dickdarms sowie der Pilze auch der Blick auf die Verdauungsleistung, Verdauungsrückstände, da viele Werte in Raltion dazu angegeben werden, Entzündung – Calprotectin, Schleimhautimmunität mit sIGA und EPX, Leaky Gut Syndrom, kurzkettige Fettsäuren sowie eine Metabolomanalyse wie schon im Newsletter im Mai kommuniziert. Ein oxidatives Stressprofil, Elektrolyte und Spurenelemente, CoQ10, Carnitin, Aminosäurestatus, essentielle Fetttsäure für die Bildung der Pro Resolving Mediatoren, wasser- und fettlösliche Vitamine, Diff-BB mit Retikulozyten etc. zum chek der Werte, die ggf. im Defizit liegen und unter diesem Aspekt verbessert werden können, ohne optimal vorhandenen Substanzen noch weiter zu steigern. |
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Wissenschaftliche Quellen – DOI-Auswahl Rath E, Moschetta A, Haller D. Mitochondrial function – gatekeeper of intestinal epithelial cell homeostasis. DOI: 10.1038/s41575-018-0021-x
Rath E, Haller D. Intestinal epithelial cell metabolism at the interface of microbial dysbiosis and tissue injury. DOI: 10.1038/s41385-022-00514-x
Urbauer E et al. Mitochondrial perturbation in the intestine causes microbiota-dependent injury and gene signatures discriminative of inflammatory disease. DOI: 10.1016/j.chom.2024.06.013
Khaloian S et al. Mitochondrial impairment drives intestinal stem cell transition into dysfunctional Paneth cells predicting Crohn’s disease recurrence. DOI: 10.1136/gutjnl-2019-319514
Jackson DN et al. Mitochondrial dysfunction during loss of prohibitin 1 triggers Paneth cell defects and ileitis. DOI: 10.1136/gutjnl-2019-319523
Schneider AM et al. Expression of Oxidative Phosphorylation Complexes and Mitochondrial Mass in Pediatric and Adult Inflammatory Bowel Disease. DOI: 10.1155/2022/9151169
Boyapati RK et al. Mitochondrial DNA Is a Pro-Inflammatory Damage-Associated Molecular Pattern Released During Active IBD. DOI: 10.1093/ibd/izy095
Schreiber S et al. Nicotinamide modulates gut microbial metabolic potential and accelerates recovery in mild-to-moderate COVID-19. DOI: 10.1038/s42255-025-01290-1
Aoyama K et al. Decreased Fecal Nicotinamide and Increased Bacterial Nicotinamidase Gene Expression in Ulcerative Colitis Patients. DOI: 10.1093/ibd/izaf092
Li J et al. Niacin ameliorates ulcerative colitis via prostaglandin D2-mediated D prostanoid receptor 1 activation. DOI: 10.15252/emmm.201606987
von Martels JZH et al. Riboflavin Supplementation in Patients with Crohn’s Disease – the RISE-UP study. DOI: 10.1093/ecco-jcc/jjz208
James AM et al. Interactions of mitochondria-targeted and untargeted ubiquinones with the mitochondrial respiratory chain and reactive oxygen species. DOI: 10.1074/jbc.M501527200
Sun C et al. MitoQ regulates autophagy by inducing a pseudo-mitochondrial membrane potential. DOI: 10.1080/15548627.2017.1280219 |
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„Resolutionsdefizit statt zu wenig Entzündungshemmung“
Ein 4-Säulen-Modell für eine andere Sicht auf chronische Entzündungen Bei einer anhaltenden Entzündung denkt man zunächst an eine zu starke Aktivierung des Immunsystems. Die naheliegende Therapie lautet deshalb häufig: Entzündung hemmen. Doch die moderne Entzündungsforschung zeigt ein komplexeres Bild. Eine Entzündung muss nicht nur entstehen und kontrolliert werden – sie muss anschließend auch aktiv beendet werden. Dieser Vorgang heißt Resolution. Dabei stoppt der Organismus die weitere Rekrutierung von Entzündungszellen, beseitigt abgestorbene Zellen und Zellreste, verändert die Funktion von Makrophagen und leitet schließlich Gewebereparatur und die Rückkehr zur Homöostase ein.
Specialized Pro-Resolving Mediators, kurz SPMs, darunter Resolvine, Protectine, Maresine und Lipoxine, gehören zu den zentralen Signalstoffen dieses Programms. Eine Störung dieser Mechanismen wird zunehmend als möglicher Bestandteil chronisch-entzündlicher Erkrankungen diskutiert.
Daraus ergibt sich eine neue Frage: Ist bei einem Patienten tatsächlich zu viel Entzündung vorhanden – oder fehlt seinem Organismus die Fähigkeit, eine einmal begonnene Entzündung ordnungsgemäß zu beenden?
Das folgende 4-Säulen-Modell ist eine didaktische Zusammenfassung der derzeitigen Forschung und ausdrücklich noch kein klinisch validierter Behandlungsalgorithmus.
Säule 1: EPA und DHA – das Ausgangsmaterial bereitstellen Ein großer Teil der pro-resolutiven Lipidmediatoren wird aus den langkettigen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA gebildet. EPA liefert unter anderem die Grundlage für E-Resolvine, während aus DHA D-Resolvine, Protectine und Maresine entstehen können.
Fehlen diese Ausgangsstoffe, kann auch ein funktionierendes Enzymsystem nur begrenzt SPMs erzeugen. Deshalb erscheint es zunächst sinnvoll, den Omega-3-Status nicht nur über Ernährungsangaben, sondern beispielsweise anhand des EPA- und DHA-Gehalts der Erythrozyten zu beurteilen. Der standardisiert gemessene Omega-3-Index eignet sich zur Beurteilung des längerfristigen EPA-/DHA-Status, ist allerdings kein direkter Resolutionsmarker. Omega-3-Fettsäuren sind damit zunächst als Baumaterial zu verstehen. Eine gute EPA-/DHA-Versorgung garantiert noch keine funktionierende Resolution – sie schafft lediglich eine wichtige Voraussetzung dafür.
Säule 2: 18-HEPE, 17-HDHA und 14-HDHA – einen Stoffwechselschritt weiter Zwischen EPA beziehungsweise DHA und den fertigen Resolvinen, Protectinen und Maresinen liegen mehrere enzymatische Zwischenschritte. Besonders interessant sind dabei: 18-HEPE als Metabolit des EPA-Stoffwechsels und Vorläufer im E-Resolvin-Weg, Doi:10.1016/j.jpba.2021.114181 17-HDHA als DHA-Metabolit im Bereich der D-Resolvine und Protectine doi: 10.1016/j.cmet.2013.10.006 sowie 14-HDHA als Marker beziehungsweise Zwischenprodukt des Maresin-Stoffwechsels. doi: 10.3390/biom16010139 Diese Verbindungen sind nicht einfach mit „fertigen Resolvinen“ gleichzusetzen. Sie befinden sich jedoch bereits näher am eigentlichen Resolutionsstoffwechsel als EPA und DHA selbst. Eine Humanstudie DOI: 10.1093/jn/nxac075 mit 23 Erwachsenen mit Adipositas untersuchte ein marines Öl, das unter anderem an 18-HEPE, 17-HDHA und 14-HDHA angereichert war. Nach etwa vier Wochen erhöhten sich verschiedene HEPE- und HDHA-Metaboliten; Resolvin E1 nahm etwa um das 3,5-Fache zu, ein DPA-abgeleitetes Maresin um das 4,7-Fache. D-Serien-Resolvine stiegen dagegen nicht entsprechend an. Das zeigt zugleich die Möglichkeiten und die Grenzen dieses Ansatzes: Das Bereitstellen von Vorstufen kann Stoffwechselwege beeinflussen, garantiert aber keine vollständige Umwandlung in sämtliche gewünschten SPMs.
In der Ausgangsdiskussion wurde ein deutsche Produkt, das weltweit den höchsten Antiel an 18-HEPE, 17-HDHA und 14-HDHA pro Kapsel sowie EPA, DHA und Tocotrienol enthält, als Beispiel eines Nahrungsergänzungsmittels genannt, das EPA/DHA und die genannten hydroxylierten Omega-3-Metaboliten enthält. Die wissenschaftliche Betrachtung hier bezieht sich ausdrücklich auf diese Inhaltsstoffklassen und deren Stoffwechselwege.
Säule 3: Der entscheidende „Lipid-Mediator-Switch“ Die Bereitstellung von Ausgangsstoffen reicht nicht. Der Organismus muss die vorhandenen Fettsäuren auch über die richtigen Enzyme in Richtung Resolution verarbeiten. Eine Schlüsselstellung nehmen dabei 5-, 12- und 15-Lipoxygenasen ein. Während zu Beginn einer Entzündung beispielsweise Leukotriene und bestimmte Prostaglandine dominieren können, verschiebt sich das Lipidmediatorprofil im Idealfall später in Richtung pro-resolutiver Signalstoffe. Dieser Vorgang wird als Lipid Mediator Class Switching bezeichnet.
Hier werden einige sekundäre Pflanzenstoffe besonders interessant. Boswellia und AKBA Für die Boswelliasäure AKBA konnte experimentell gezeigt werden, dass sie 15-Lipoxygenase-1 allosterisch aktivieren und die Lipidmediatorbildung in Richtung pro-resolutiver Mediatoren verschieben kann. In menschlichen Immunzellen wurden SPMs verstärkt gebildet; im Mausmodell beschleunigte AKBA die Resolution einer experimentellen Entzündung. Damit wäre eine Kombination aus ausreichendem EPA/DHA-Angebot beziehungsweise entsprechenden Vorstufen und AKBA mechanistisch plausibel: Das eine liefert Substrat, das andere beeinflusst die enzymatische Verarbeitung. Eine klinische Humanstudie, die eine solche Kombination als Resolutionsstrategie überprüft, fehlt allerdings bisher. Ein besonders interessanter neuer Befund: Rosmarin-Polyphenole plus Omega-3 Noch spannender ist eine 2026 publizierte Untersuchung zu Carnosinsäure und Carnosol aus Rosmarin. DOI: 10.1016/j.biopha.2026.119764 In menschlichen Makrophagen unterdrückten diese Pflanzenstoffe proinflammatorische Leukotrien- und Prostaglandinwege und aktivierten gleichzeitig 15-LOX-abhängige pro-resolutive Lipidmediatoren. Besonders bemerkenswert: Die gleichzeitige Bereitstellung von Omega-3-Fettsäuren verstärkte die SPM-Bildung synergistisch.
Das ist bislang einer der interessantesten direkten experimentellen Hinweise auf das Prinzip: Omega-3-Substrat + gezielte phytochemische Beeinflussung des Lipidstoffwechsels → stärkere Bildung pro-resolutiver Mediatoren.
Allerdings handelt es sich noch nicht um den Nachweis, dass eine entsprechende Kombination von Nahrungsergänzungsmitteln chronische Erkrankungen beim Menschen verbessert. |
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Tocotrienole: mehr als nur antioxidatives Vitamin E? Auch die Tocotrienole verdienen eine Neubewertung. Eine im Juli 2026 veröffentlichte Arbeit untersuchte langkettige Stoffwechselprodukte von Tocotrienolen. doi.org/10.1016/j.apsb.2026.06.056 Diese Metaboliten reduzierten in menschlichen Zellen des angeborenen Immunsystems die Leukotrienbildung und verschoben gleichzeitig das Lipidmediatorprofil in Richtung Protectine beziehungsweise verwandter pro-resolutiver Moleküle. Unter anderem wurde dabei 15-LOX-1 beeinflusst. Zusätzlich fanden sich Auswirkungen auf COX-2, lösliche Epoxidhydrolase und Ferroptose.
Damit erscheint eine Kombination aus Omega-3-Fettsäuren beziehungsweise ihren Vorstufen und Tocotrienolen biologisch interessant. Auch hier gilt jedoch: Die Studie untersuchte insbesondere Tocotrienol-Metaboliten auf zellulärer Ebene. Sie beweist nicht, dass eine bestimmte orale Tocotrienol-Dosis beim Patienten denselben Effekt erzeugt.
Säule 4: Efferozytose – wenn die Müllabfuhr funktionieren muss Selbst eine optimale SPM-Produktion erfüllt ihren Zweck erst dann, wenn anschließend die zelluläre Aufräumarbeit funktioniert. Während einer Entzündung sterben zahlreiche neutrophile Granulozyten und andere Zellen kontrolliert ab. Diese apoptotischen Zellen müssen von Makrophagen aufgenommen werden. Dieser Vorgang heißt Efferozytose.
Funktioniert er nicht ausreichend, können Zellreste sekundär zerfallen und erneut Entzündungssignale freisetzen. Eine gestörte Efferozytose wird deshalb mit verschiedenen chronisch-entzündlichen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Hier kommen weitere Mikronährstoffe und Polyphenole ins Spiel.
Für die aktive Vitamin-D-Form 1,25-(OH)₂-Vitamin D₃ konnte experimentell gezeigt werden, dass sie die Efferozytose von Makrophagen unter anderem über den VDR-ASAP2-RAC1-Signalweg verbessern kann. Daraus lässt sich sinnvoll ableiten, einen bestehenden Vitamin-D-Mangel zu korrigieren. Daraus folgt jedoch nicht, dass möglichst hohe Vitamin-D-Dosen die Resolution immer weiter steigern.
Auch Resveratrol konnte in menschlichen Makrophagen die Efferozytose fördern. Dabei wurde unter anderem MFG-E8 verstärkt freigesetzt, ein Protein, das als molekulare Brücke zwischen apoptotischer Zelle und Makrophage funktioniert.
Für weitere Polyphenole wie Curcumin oder Quercetin bestehen zahlreiche Hinweise auf Einflüsse auf Nrf2, NF-κB, oxidativen Stress und Makrophagenfunktion. Ihre spezifische Wirkung auf die menschliche SPM-Resolution ist jedoch weniger klar belegt. Deshalb sollte zwischen allgemeiner antientzündlicher beziehungsweise antioxidativer Wirkung und echter Pro-Resolution unterschieden werden.
Kann man ein Resolutionsdefizit messen? Hier liegt gegenwärtig eines der größten Probleme. CRP, BSG, TNF-α oder Interleukin-6 zeigen, dass beziehungsweise wie stark Entzündung vorhanden ist. Sie sagen jedoch nicht zuverlässig, ob der Organismus gerade versucht, die Entzündung aufzulösen und ob dieser Prozess erfolgreich funktioniert.
Ein praktikables diagnostisches Modell könnte deshalb zukünftig mehrere Ebenen kombinieren. Als Basis lässt sich der EPA-/DHA-Status in Erythrozyten bestimmen. Ein erweitertes Fettsäureprofil mit EPA, DHA, DPA und Arachidonsäure liefert zusätzliche Informationen zum verfügbaren Substrat. Dies beschreibt jedoch lediglich die Ausgangssituation, nicht die eigentliche Resolution. Wesentlich näher am Mechanismus liegt eine Oxylipin- beziehungsweise Lipidmediatoranalyse mittels LC-MS/MS. Dabei könnten beispielsweise 18-HEPE, 17-HDHA und 14-HDHA gemeinsam mit ausgewählten Resolvinen, Protectinen, Maresinen und gleichzeitig proinflammatorischen Mediatoren wie LTB₄ oder 5-HETE untersucht werden.
Interessanter als ein einzelner Wert könnte langfristig das Verhältnis proinflammatorischer zu pro-resolutiven Lipidmediatoren beziehungsweise die Veränderung desselben im Verlauf werden. Für solche „Resolutionsindices“ existieren jedoch noch keine allgemein akzeptierten klinischen Referenzbereiche. Die Forschung betrachtet SPM-Profile zwar als vielversprechende Biomarker, ihre Routinetauglichkeit ist aber noch nicht etabliert.
Auch ein normales oder niedriges Blutbild einzelner Immunzelltypen sollte nicht als Beweis eines Resolutionsdefizits interpretiert werden. SPMs werden von mehreren Zelltypen und teilweise über transzelluläre Stoffwechselwege produziert. Ein einzelner Granulozytentyp kann daher die gesamte Resolutionsfähigkeit des Organismus nicht abbilden.
Bei direkten Resolvin-Messungen ist Vorsicht erforderlich Gerade weil dieses Forschungsgebiet interessant ist, sollte analytisch besonders streng gearbeitet werden. SPMs liegen häufig in extrem niedrigen Konzentrationen vor. Probengewinnung, Lagerung und Aufarbeitung können die Ergebnisse erheblich beeinflussen. Eine aktuelle Arbeit aus dem Jahr 2026 verglich Resolvin-D1- und Resolvin-D2-Messungen mittels ELISA und LC-MS/MS. ELISA-Verfahren lieferten deutlich höhere Werte und sogar positive Signale in Proben, in denen die Substanzen mittels LC-MS/MS nicht nachweisbar waren. Fehlerhafte Probenbehandlung verstärkte diesen Effekt zusätzlich.
Auch unabhängig davon wurde davor gewarnt, SPM-Signale unterhalb etablierter Nachweis- und Quantifizierungsgrenzen vorschnell als sichere biologische Konzentrationen zu interpretieren. Für eine zukünftige Resolutionsdiagnostik erscheint deshalb standardisierte LC-MS/MS-Lipidomik mit geeigneten internen Standards wesentlich überzeugender als ein isolierter kommerzieller Resolvin-ELISA.
Was könnte daraus therapeutisch entstehen? Das Konzept führt weg von der Vorstellung eines einzelnen „Entzündungshemmers“ und hin zu einer biologischen Kette:
EPA/DHA → 18-HEPE, 17-HDHA und 14-HDHA → enzymatischer Lipidmediator-Switch → Resolvine, Protectine und Maresine → Efferozytose → Reparatur und Wiederherstellung der Homöostase.
An unterschiedlichen Stellen könnten verschiedene nutritive und phytochemische Faktoren eingreifen. EPA und DHA stellen Ausgangsmaterial bereit. Hydroxylierte Omega-3-Metaboliten können bestimmte erste Stoffwechselschritte bereits überbrücken. AKBA aus Boswellia, Carnosinsäure beziehungsweise Carnosol und möglicherweise Tocotrienol-Metaboliten können Lipoxygenase- und Lipidmediatorwege beeinflussen. Vitamin D und bestimmte Polyphenole könnten wiederum die nachgeschaltete Makrophagen- und Efferozytosefunktion unterstützen. Für Magnesium, Zink, Selen und andere Mikronährstoffe gilt zunächst ein konservativeres Prinzip: Mängel sollten behoben werden, weil Immunfunktion, Redoxsysteme und zahlreiche Enzyme davon abhängig sind. Eine spezifische Steigerung der menschlichen SPM-Produktion durch hohe zusätzliche Dosierungen dieser Stoffe ist dagegen bislang nicht ausreichend belegt.
Damit entsteht ein interessantes neues Verständnis chronischer Entzündungen: Nicht immer muss die therapeutische Antwort lauten, die Entzündungsreaktion stärker zu blockieren. Möglicherweise müssen wir bei einem Teil der Patienten vielmehr herausfinden, an welcher Stelle der natürliche Weg von der Entzündung zurück zur Homöostase ins Stocken geraten ist. Genau darin könnte die eigentliche Bedeutung einer zukünftigen Resolutionsmedizin liegen.
Quellen – DOI Panigrahy D et al. Resolution of inflammation: An organizing principle in biology and medicine. 10.1016/j.pharmthera.2021.107879
Perretti M, Dalli J. Resolution Pharmacology. 10.1146/annurev-pharmtox-051821-042743 Levy BD et al. Lipid mediator class switching during acute inflammation. 10.1038/89759
Al-Shaer AE et al. Enriched Marine Oil Supplement Increases Specific Plasma Specialized Pro-Resolving Mediators in Adults with Obesity. 10.1093/jn/nxac075
Börner F et al. Allosteric Activation of 15-Lipoxygenase-1 by Boswellic Acid… 10.1002/advs.202205604
Nischang V et al. Carnosic acid and carnosol promote lipid mediator class-switching toward inflammation resolution in human macrophages. 10.1016/j.biopha.2026.119764
Permann S et al. Tocotrienol metabolites redirect lipid mediator production in innate immune cells towards inflammation resolution. 10.1016/j.apsb.2026.06.056
Shi H et al. 1,25(OH)₂D₃ Promotes Macrophage Efferocytosis… 10.3390/nu14224935
Abe-Kanoh N et al. Resveratrol and piceid enhance efferocytosis… 10.1093/bbb/zbae079
Doran AC et al. Efferocytosis in health and disease. 10.1038/s41577-019-0240-6
Dalli J et al. Utility of the Specialized Pro-Resolving Mediators as Diagnostic and Prognostic Biomarkers in Disease. 10.3390/biom12030353
Naicker B et al. Comparing the quantitation of specialized pro-resolving mediators in plasma and serum using ELISA and LC-MS/MS. 10.1016/j.plefa.2026.102731
O’Donnell VB et al. Failure to apply standard limit-of-detection or limit-of-quantitation criteria to specialized pro-resolving mediator analysis… 10.1038/s41467-023-41766-w
von Schacky C. Omega-3 index in 2018/19. 10.1017/S0029665120006989 |
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Intravenöse Sauerstofftherapie – ein möglicher Stimulus für die körpereigene Resolutionsmaschinerie?
Neben Nährstoffen und Pflanzenstoffen gibt es Hinweise darauf, dass auch physikalisch beziehungsweise metabolisch wirkende Verfahren bestimmte Bestandteile des Resolutionssystems beeinflussen können. Ein interessantes Beispiel ist die intravenöse Sauerstoffinsufflation, auch Oxyvenierung nach Regelsberger genannt. Dabei werden kleine Mengen medizinischen Sauerstoffs langsam intravenös appliziert. Für die Einordnung in das Resolutionsmodell ist insbesondere eine Untersuchung der Berliner Charité interessant. Sie untersuchte bei sieben Probanden über vier Wochen sowohl die Zahl eosinophiler Granulozyten als auch die Expression der 15-Lipoxygenase-1 (15-LOX-1/ALOX15). Unter den wiederholten Sauerstoffanwendungen stiegen sowohl die Eosinophilenzahl als auch die Expression von 15-LOX-1 signifikant an; nach Beendigung der Behandlung gingen beide wieder in Richtung Ausgangsniveau zurück. Die 15-LOX-1-Expression korrelierte dabei deutlich mit der Zahl der Eosinophilen, die als wichtige Quelle dieses Enzyms angesehen wurden.
Das ist für die Resolution deshalb interessant, weil 15-LOX-1 eine Schlüsselposition im Lipidmediatorstoffwechsel einnimmt. Aus DHA kann über 15-LOX unter anderem 17-HpDHA beziehungsweise 17-HDHA entstehen – eine wichtige Vorstufe der D-Resolvine und Protectine. Auch an der Bildung von Lipoxinen ist das Enzymsystem beteiligt. Eine vermehrte 15-LOX-1-Expression könnte daher grundsätzlich die enzymatische Voraussetzung verbessern, vorhandene mehrfach ungesättigte Fettsäuren in Richtung pro-resolutiver Mediatoren zu verstoffwechseln.
Gerade hier ergibt sich eine interessante Synergiehypothese zur Omega-3-Versorgung: Eine ausreichende Bereitstellung von EPA und DHA beziehungsweise ihrer hydroxylierten Zwischenprodukte stellt das Substrat bereit, während eine vermehrte 15-LOX-1-Expression theoretisch die enzymatische Verarbeitung dieses Substrates unterstützen könnte.
Vereinfacht ausgedrückt: EPA/DHA stellen das Baumaterial bereit – 15-LOX-1 gehört zu den Werkzeugen, die daraus pro-resolutive Lipidmediatoren herstellen können.
Daraus folgt allerdings noch nicht, dass die intravenöse Sauerstofftherapie beim Menschen nachweislich die Konzentrationen von Resolvinen, Protectinen oder Maresinen erhöht. In der genannten Untersuchung wurden weder ein umfassendes LC-MS/MS-Lipidmediatorprofil noch klinische Resolutionsendpunkte erhoben. Der Zusammenhang ist daher mechanistisch plausibel, aber noch nicht klinisch bewiesen. Hinzu kommt eine weitere wichtige Einschränkung: 15-LOX-1 ist kein ausschließlich „antientzündliches Enzym“. Abhängig von vorhandenem Fettsäuresubstrat, Zelltyp und metabolischem Umfeld kann es sowohl pro-resolutive als auch prooxidative beziehungsweise proinflammatorische Lipidmediatoren erzeugen. Gerade deshalb könnte die gleichzeitige Verfügbarkeit von EPA und DHA entscheidend dafür sein, in welche Richtung sich der Lipidmediatorstoffwechsel bewegt.
Die Fachliteratur spricht hier treffend von den „zwei Gesichtern“ der 15-Lipoxygenase.
PON-1: Stärkung des antioxidativen Umfeldes
Ein zweiter möglicher Wirkmechanismus betrifft die Paraoxonase-1 (PON-1). PON-1 ist überwiegend an HDL gebunden und besitzt antioxidative und antiatherogene Eigenschaften. Sie trägt unter anderem dazu bei, oxidativ veränderte Lipide und Lipoproteine zu begrenzen. Eine aktuelle Übersicht aus dem Jahr 2026 beschreibt Paraoxonasen zunehmend nicht nur als Entgiftungsenzyme, sondern als wichtige Regulatoren von Lipidstoffwechsel, oxidativem Stress und entzündlichen Signalwegen.
Für die intravenöse Sauerstofftherapie liegt hierzu eine Humanstudie mit 45 Patienten vor. Die Sauerstoffmenge wurde im Verlauf von 15 auf 50 ml bei einer Infusionsgeschwindigkeit von 1–2 ml/min gesteigert. Nach neun Anwendungen war die mit Paraoxon gemessene PON-1-Aktivität im Serum durchschnittlich um 38 % gegenüber dem Ausgangswert erhöht; der Unterschied war statistisch hochsignifikant (p < 0,001). Die Autoren interpretierten dies als eine adaptive Antwort auf einen milden oxidativen Stimulus: Der Sauerstoffreiz führt demnach nicht einfach zu einer dauerhaften oxidativen Belastung, sondern kann körpereigene antioxidative Schutzmechanismen hochregulieren. Dieses Prinzip ähnelt dem Konzept der Hormesis – ein begrenzter Stressreiz aktiviert anschließend zelluläre Schutzsysteme.
Für die Resolution könnte dies indirekt relevant sein. Pro-resolutive Lipidmediatoren entstehen in einem komplexen Redoxmilieu, während ausgeprägter oxidativer Stress gleichzeitig LDL, Membranlipide und mehrfach ungesättigte Fettsäuren unkontrolliert oxidieren kann. Eine höhere PON-1-Aktivität könnte deshalb dazu beitragen, unerwünschte Lipidoxidation zu begrenzen und ein günstigeres metabolisches Umfeld für geordnete Lipidmediator-Signalwege zu schaffen.
PON-1 sollte dabei jedoch nicht als „Resolving-Enzym“ bezeichnet werden. Anders als 15-LOX-1 produziert PON-1 keine Resolvine oder Protectine. Die PON-1-Steigerung wäre vielmehr als unterstützende antioxidative Flankierung des Resolutionsmilieus zu verstehen.
Zusätzlich: Einfluss auf das Gefäßendothel Ein weiterer älterer Humanbefund ergänzt dieses Bild. Bei zwölf Patienten mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit führte die intravenöse Sauerstoffgabe zu einem mehr als vierfachen Anstieg eines stabilen Prostacyclin-Metaboliten im Urin, während die Thromboxanbildung unverändert blieb. Dadurch verschob sich das Prostacyclin/Thromboxan-Verhältnis deutlich zugunsten des vasodilatatorischen und thrombozytenhemmenden Prostacyclins.
Auch Prostacyclin ist nicht mit einem SPM gleichzusetzen. Die Beobachtung zeigt jedoch, dass die intravenöse Sauerstoffgabe mehrere Lipidmediator- und Gefäßsignalwege gleichzeitig beeinflussen kann. |
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| Wie fügt sich die Sauerstofftherapie in das 4-Säulen-Modell des vorherigen Artikels ein?
Damit lässt sich das bisherige Modell erweitern:
1. Substrat bereitstellen: EPA und DHA beziehungsweise geeignete Omega-3-Vorstufen liefern das Ausgangsmaterial.
2. Vorstufen bereitstellen: 18-HEPE, 17-HDHA und 14-HDHA liegen bereits näher an den nachgeschalteten Resolutionswegen.
3. Enzymatische Umwandlung unterstützen: 15-LOX-1 und weitere Lipoxygenasen entscheiden mit darüber, welche Lipidmediatoren tatsächlich entstehen. Boswellia/AKBA, Tocotrienol-Metaboliten, bestimmte Polyphenole und möglicherweise auch die intravenöse Sauerstofftherapie können an unterschiedlichen Stellen dieses Systems ansetzen.
4. Aufräumen und schützen: SPMs fördern Efferozytose und Reparatur; Vitamin D und bestimmte Polyphenole können Makrophagenfunktionen beeinflussen. Ein günstiges Redoxmilieu – möglicherweise unterstützt durch eine erhöhte PON-1-Aktivität – könnte gleichzeitig verhindern, dass empfindliche Lipide unkontrolliert oxidiert werden.
Daraus entsteht eine interessante, bislang allerdings noch nicht klinisch validierte Gesamthypothese:
Omega-3-Substrat
→ geeignete PRM-Vorstufen → ausreichende 15-LOX-Aktivität → Lipid-Mediator-Class-Switch → Resolvine/Protectine/Maresine → Efferozytose und Reparatur
während parallel
PON-1 und andere antioxidative Systeme
→ unkontrollierte Lipidoxidation begrenzen → das metabolische Umfeld stabilisieren.
Die intravenöse Sauerstofftherapie wäre in diesem Modell somit nicht primär als „Sauerstoffversorgung“ zu verstehen, sondern möglicherweise als metabolischer Regulationsreiz, der unter anderem die Eosinophilen-/15-LOX-1-Achse und die PON-1-Aktivität beeinflusst. Gerade diese Kombination macht das Verfahren für die Resolutionsforschung interessant. Gleichzeitig muss die Evidenz richtig eingeordnet werden: Die verfügbaren Humanuntersuchungen sind klein, überwiegend unkontrolliert und stammen größtenteils aus den frühen 2000er-Jahren. Eine moderne Studie, in der vor und nach einer Behandlungsserie gleichzeitig EPA/DHA, 18-HEPE, 17-HDHA, 14-HDHA, 15-LOX-1, PON-1 sowie Resolvine, Protectine, Maresine und klassische Entzündungsmediatoren mittels validierter LC-MS/MS-Verfahren bestimmt werden, fehlt bislang. Eine solche Untersuchung wäre allerdings genau der richtige Ansatz, um zu prüfen, ob aus der bisher beobachteten 15-LOX-1- und PON-1-Aktivierung tatsächlich ein messbarer Lipidmediator-Switch in Richtung Resolution entsteht.
Ergänzende wissenschaftliche Quellen / DOI
Chaitidis P, Kreutzer FJ, Gerth C, Janata P, Kühn H. Impact of intravenous oxygen therapy on the expression of reticulocyte-type 15-lipoxygenase in human volunteers. DOI: 10.1016/j.plefa.2004.03.022
Kopprasch S, Kreutzer FJ, Nowak V, Gräßler J. Intravenöse Sauerstofftherapie erhöht die Aktivität des antioxidativen und antiatherogenetischen Enzyms Paraoxonase-1 im Serum. DOI: 10.1159/000089012
Stichtenoth DO et al. Effects of intravenous oxygen on prostacyclin and thromboxane formation in patients with peripheral occlusive arterial disease. DOI: 10.1054/plef.2001.0313
Kreutzer FJ, Nowak V. Stimulation der endogenen Prostacyclinsynthese durch intravenöse Sauerstofftherapie. DOI: 10.1055/s-2002-19945
Wittwer J, Hersberger M. The two faces of the 15-lipoxygenase in atherosclerosis. DOI: 10.1016/j.plefa.2007.08.001
Çolakoğlu M, Tunçer S, Banerjee S. Emerging cellular functions of the lipid metabolizing enzyme 15-Lipoxygenase-1. DOI: 10.1111/cpr.12472
Schebb NH et al. Formation, Signaling and Occurrence of Specialized Pro-Resolving Lipid Mediators – What is the Evidence so far? DOI: 10.3389/fphar.2022.838782
Tehrani Fateh S, Tehrani Fateh S, Ziai SA. Paraoxonases as metabolic and signaling modulators: prospects for therapeutic and preventive implications. DOI: 10.1038/s44324-026-00103-7 |
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Wenn das Blut ins Stocken gerät
Was Zellgerüst, Mikrodurchblutung und Mitochondrien mit Long COVID zu tun haben könnten Erschöpfung, Konzentrationsstörungen, eine ungewöhnlich geringe Belastbarkeit oder eine deutliche Verschlechterung nach körperlicher Aktivität gehören zu den häufigsten Beschwerden bei Long COVID. Gleichzeitig finden sich bei manchen Betroffenen Hinweise auf Veränderungen der kleinsten Blutgefäße und der Mikrodurchblutung.
In der Kapillarmikroskopie kann der Blutstrom beispielsweise ungewöhnlich körnig oder „granuliert“ erscheinen. Teilweise fließt das Blut nicht gleichmäßig, sondern abschnittsweise, verlangsamt oder diskontinuierlich durch die Kapillaren. Eine mögliche Erklärung rückt zunehmend in den Fokus: Nicht nur die Gefäßwand selbst, sondern auch die mechanischen Eigenschaften der roten Blutkörperchen könnten nach einer SARS-CoV-2-Infektion verändert sein. Gleichzeitig gibt es Hinweise auf Veränderungen des mitochondrialen Energiestoffwechsels.
Damit entsteht eine interessante Verbindung zwischen Zellgerüst, Mikrozirkulation, Sauerstoffversorgung und Energieproduktion.
Warum rote Blutkörperchen ein stabiles Zellgerüst benötigen Ein rotes Blutkörperchen hat einen Durchmesser von ungefähr acht Mikrometern. Manche Kapillaren sind jedoch deutlich enger. Damit ein Erythrozyt diese kleinsten Gefäße passieren kann, muss er sich stark verformen können. Dafür besitzt er direkt unter seiner Zellmembran ein ausgesprochen elastisches Gerüst aus unter anderem Spectrin, Aktin, Ankyrin, Protein 4.1 und Band 3. Dieses Netzwerk hält die Zellmembran stabil und ermöglicht gleichzeitig eine enorme Flexibilität. Wird dieses Gerüst verändert, kann der Erythrozyt theoretisch schlechter durch kleine Kapillaren gleiten. Gleichzeitig beeinflussen auch Plasmaviskosität, Entzündung, Erythrozytenaggregation und die Funktion der Gefäßwand den Blutfluss.
Nach COVID wurden Veränderungen dieser Strukturen nachgewiesen Bei COVID-19 wurden tatsächlich Veränderungen wichtiger Erythrozytenproteine beschrieben. Proteomische Untersuchungen zeigten unter anderem oxidative Veränderungen und Fragmentierungen von Spectrin, Ankyrin und Band 3. Gleichzeitig wurden Veränderungen der Membranlipide festgestellt.
Andere Arbeitsgruppen konnten zeigen, dass sich auch die mechanischen Eigenschaften der Erythrozyten nach SARS-CoV-2-Infektionen verändern können. Die Ergebnisse verschiedener Studien sind allerdings nicht völlig einheitlich. Je nach Krankheitsphase, Schweregrad, Alter und Untersuchungsmethode wurden sowohl verminderte als auch veränderte oder teilweise erhöhte Deformierbarkeit gemessen. Das spricht gegen die Vorstellung eines einfachen dauerhaften „Zellschadens“. Wahrscheinlicher ist ein dynamisches Zusammenspiel aus Erythrozytenstruktur, Blutplasma, Entzündung, oxidativem Stress und Gefäßregulation. DOI: 10.1021/acs.jproteome.0c00606 DOI: 10.7554/eLife.81316 DOI: 10.1016/j.bpj.2021.05.025
Was könnten die „Granula“ in der Kapillarmikroskopie bedeuten?
Bei einer Kapillarmikroskopie lässt sich beobachten, wie sich die Blutzellen durch einzelne Kapillarschlingen bewegen. Normalerweise erscheint ein relativ homogener Blutstrom. Bei manchen Patienten zeigt sich dagegen eine körnige oder granulierte Blutsäule. Zellreiche Abschnitte wechseln sich mit scheinbar zellärmeren Bereichen ab, und der Blutfluss kann zeitweise langsamer oder diskontinuierlich werden, also auch stehen.
Ein solches Bild könnte unter anderem entstehen durch:
- vermehrte Aggregation von Erythrozyten,
- veränderte Verformbarkeit der roten Blutkörperchen,
- eine erhöhte Plasmaviskosität,
- veränderten Gefäßtonus,
- Endotheldysfunktion oder
- eine insgesamt verlangsamte Mikrozirkulation.
Wichtig ist jedoch: Ein granuliertes kapillarmikroskopisches Bild beweist weder Mikrothromben noch einen spezifischen COVID-bedingten Zytoskelettschaden. Es handelt sich zunächst um einen funktionellen Hinweis auf ein verändertes Strömungsverhalten.
Dass die Mikrozirkulation bei Long COVID tatsächlich verändert sein kann, wird inzwischen auch durch größere Untersuchungen gestützt. Dabei wurden unter anderem eine verminderte Kapillardichte, erweiterte Kapillaren, Mikroblutungen und auffällige Gefäßformen beschrieben. DOI: 10.1136/rmdopen-2025-005469
Eine neue Coronin-Studie verändert unser Verständnis des Zellgerüstes Interessant ist in diesem Zusammenhang eine 2026 veröffentlichte Untersuchung zu sogenannten Coronin-Proteinen. Coronine wurden über Jahrzehnte vor allem als direkte Regulatoren des Aktin-Zytoskeletts angesehen. Die neue Studie stellt dieses Modell teilweise infrage. Die Forscher fanden, dass natürlich vorkommende Coronine offenbar wesentlich weniger direkt mit F-Aktin interagieren als bislang angenommen. Gleichzeitig zeigte sich, dass bestimmte Proteinmarkierungen und teilweise auch Antikörper die Ergebnisse früherer Experimente beeinflusst haben könnten. Statt primär als mechanische Aktin-Regulatoren könnten Coronine stärker über zelluläre Signalwege wie cAMP und Calcium wirken.
Für Long COVID bedeutet dies nicht, dass das Zytoskelett unwichtig wäre. Es bedeutet vielmehr, dass strukturelle Veränderungen und veränderte Signalübertragung stärker voneinander unterschieden werden müssen. DOI: 10.1371/journal.pbio.3003904
Aber was haben Mitochondrien damit zu tun? Reife rote Blutkörperchen besitzen keine Mitochondrien. Während ihrer Entwicklung ist das jedoch anders. Erythroblasten und junge Retikulozyten verfügen zunächst noch über Mitochondrien. Gleichzeitig entsteht während dieser Reifungsphase das spätere Membran- und Zytoskelett des Erythrozyten. Im weiteren Verlauf werden die Mitochondrien gezielt über die sogenannte Mitophagie entfernt. Daraus ergibt sich eine interessante Forschungsfrage: Könnten Entzündung, oxidativer Stress oder metabolische Veränderungen während der Erythrozytenreifung dazu beitragen, dass später auch die mechanischen Eigenschaften der fertigen roten Blutkörperchen verändert sind? Diese Möglichkeit ist biologisch plausibel. Direkt bewiesen ist diese Kausalkette bei Long COVID bislang jedoch nicht.
Bei der Fatigue sind die Mitochondrien wesentlich direkter beteiligt Ganz anders sieht es in Muskel-, Nerven-, Immun- und anderen kernhaltigen Zellen aus. Dort sind Mitochondrien entscheidend für die Bereitstellung von Energie in Form von ATP. Mehrere Untersuchungen haben inzwischen Hinweise auf eine veränderte mitochondriale Funktion nach SARS-CoV-2-Infektionen gefunden. Besonders interessant ist eine Untersuchung von Long-COVID-Patienten mit post-exertioneller Malaise, kurz PEM. Bei diesen Patienten führt körperliche oder geistige Belastung nicht lediglich zu normaler Müdigkeit. Stattdessen kann es Stunden oder sogar einen Tag später zu einer deutlichen Verschlechterung von Erschöpfung, Schmerzen, Konzentrationsfähigkeit und anderen Beschwerden kommen. Muskelbiopsien zeigten bei solchen Patienten eine reduzierte mitochondriale oxidative Kapazität. Nach intensiver Belastung verschlechterten sich bestimmte mitochondriale und metabolische Parameter zusätzlich. Damit lässt sich zumindest ein Teil der ungewöhnlichen Belastungsintoleranz biologisch nachvollziehen. DOI: 10.1038/s41467-023-44432-3 DOI: 10.1126/scitranslmed.abq1533 |
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| Mikrozirkulation und Mitochondrien könnten sich gegenseitig beeinflussen
Damit entsteht ein möglicherweise wichtiger Zusammenhang. Damit Mitochondrien Energie produzieren können, benötigen sie unter anderem Sauerstoff und Nährstoffe. Diese gelangen über die Mikrozirkulation zu den Geweben.
Wenn gleichzeitig
- die Erythrozyten weniger günstig fließen,
- das Gefäßendothel schlechter reguliert,
- die Mikrozirkulation ungleichmäßiger wird
- und die mitochondriale Energieproduktion beeinträchtigt ist,
- könnten sich diese Veränderungen gegenseitig verstärken.
Mitochondrien können bei Funktionsstörungen wiederum vermehrt reaktive Sauerstoffverbindungen bilden. Oxidativer Stress kann seinerseits Membranlipide, Proteine, Gefäßendothel und Zytoskelettstrukturen verändern.
Daraus ergibt sich ein mögliches Netzwerk: Entzündung → oxidativer Stress → Endothel- und Erythrozytenveränderungen → gestörte Mikrozirkulation → mitochondrialer Stress → weitere Stoffwechsel- und Redoxstörungen. Dieses Modell ist wissenschaftlich plausibel, aber noch nicht als vollständige Kausalkette für jeden Long-COVID-Patienten bewiesen. Die gemeinsame Schnittmenge meiner Patienten dieser Symptomatik ist aber das auffällige oxidatveSstressprofil.
Können auch andere Infektionen solche Erschöpfungszustände auslösen? Ja. Postinfektiöse Erschöpfungssyndrome sind keineswegs auf SARS-CoV-2 beschränkt. Bereits lange vor COVID wurde beschrieben, dass nach sehr unterschiedlichen Infektionen über Monate Fatigue, Schmerzen und neurokognitive Beschwerden bestehen bleiben können. Eine bekannte prospektive Untersuchung zeigte dies beispielsweise nach Epstein-Barr-Virus, Ross-River-Virus und sogar nach einer bakteriellen Q-Fieber-Infektion. Interessanterweise war weniger der Erreger selbst entscheidend als die Stärke der ursprünglichen Erkrankung und der Immunaktivierung. DOI: 10.1136/bmj.38933.585764.AE
Können alte Viren nach COVID wieder aktiv werden? Auch dafür gibt es Hinweise. Besonders das Epstein-Barr-Virus, kurz EBV, wird diskutiert. Fast alle Erwachsenen tragen dieses Virus lebenslang im Körper. Während einer starken Immunaktivierung kann es gelegentlich wieder stärker aktiv werden. In einer großen Long-COVID-Untersuchung war eine EBV-Reaktivierung während der akuten COVID-Erkrankung mit bestimmten späteren Long-COVID-Symptomen, insbesondere Fatigue, assoziiert. Auch Reaktivierungen beziehungsweise immunologische Hinweise auf HHV-6 oder CMV wurden beschrieben. Allerdings finden nicht alle Studien diesen Zusammenhang. Deshalb gilt auch hier: Eine Virusreaktivierung könnte für eine Untergruppe relevant sein, ist aber wahrscheinlich nicht die alleinige Erklärung von Long COVID. DOI: 10.1016/j.cell.2022.01.014 DOI: 10.3390/pathogens10060763 DOI: 10.1111/all.15471 DOI: 10.1186/s12879-023-08820-w
Und was geschieht bei wiederholten Coronavirusinfektionen? Auch erneute SARS-CoV-2-Infektionen scheinen eine Rolle zu spielen. Große Kohortenuntersuchungen zeigen, dass nach Reinfektionen erneut ein Risiko für längerfristige Beschwerden besteht. Biologisch wäre dies nachvollziehbar: Jede neue Infektion kann erneut Immunsystem, Gefäßendothel, Gerinnungsregulation, oxidativen Stress und Stoffwechsel aktivieren. Man sollte dabei jedoch eher von einer erneuten biologischen Belastung sprechen als von einer klassischen „Reaktivierung“ des Coronavirus. DOI: 10.1016/j.lanepe.2026.101601
Welche Diagnostik kann sinnvoll sein? Es gibt bislang keinen einzelnen Blutwert, der Long COVID zuverlässig diagnostiziert. Sinnvoll ist vielmehr eine Kombination verschiedener Untersuchungsebenen. Zu einer Basisdiagnostik gehören je nach Beschwerden beispielsweise Blutbild, Retikulozyten, Ferritin und Eisenstatus, CRP, Vitamin B12, Folat, Vitamin D, Schilddrüsenwerte, Elektrolyte, Nieren- und Leberfunktion sowie bei entsprechender Symptomatik CK und Parameter des Glukosestoffwechsels. Ein Eisenmangel oder eine Anämie beispielsweise kann die Sauerstoffversorgung zusätzlich beeinträchtigen und sollte unabhängig von Long COVID behandelt werden.
Kapillarmikroskopie Die Kapillarmikroskopie ermöglicht die direkte Beobachtung der kleinsten Gefäße. Beurteilt werden können unter anderem: Kapillardichte, Gefäßweite, Gefäßform, Mikroblutungen und das Flussverhalten der Erythrozyten. Besonders interessant können standardisierte Verlaufskontrollen sein. Das Ergebnis wird allerdings von Umgebungstemperatur, Nikotin, Flüssigkeitsstatus, Medikamenten und körperlicher Aktivität beeinflusst. Solche Faktoren sollten bei Verlaufsmessungen möglichst konstant gehalten werden.
Untersuchung der Erythrozyten In spezialisierten Laboren können außerdem die Deformierbarkeit und Aggregation der Erythrozyten untersucht werden. Dazu stehen beispielsweise Ektazytometrie oder moderne mikrofluidische Verfahren zur Verfügung. Auch Plasmaviskosität und andere hämorheologische Parameter können zusätzliche Informationen liefern. Diese Untersuchungen sind wissenschaftlich interessant, gehören aber noch nicht zur etablierten Long-COVID-Routinediagnostik.
Untersuchung des Energiestoffwechsels Bei ausgeprägter Fatigue können je nach Fragestellung zusätzlich Laktat, Blutgasanalysen unter definierten Bedingungen, Carnitin beziehungsweise Acylcarnitine, Aminosäuren oder weitere Stoffwechselparameter interessant sein. Eine Spiroergometrie kann zusätzliche Erkenntnisse zur Sauerstoffaufnahme und Belastungsphysiologie liefern. Bei ausgeprägter PEM muss eine maximale Belastungsuntersuchung allerdings besonders sorgfältig abgewogen werden. |
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Was lässt sich therapeutisch tun? Eine Behandlung, die gezielt ein möglicherweise verändertes Erythrozyten-Zytoskelett „repariert“, gibt es bislang nicht. Therapeutisch sinnvoll ist daher zunächst, bekannte zusätzliche Belastungsfaktoren zu reduzieren. Dazu gehören beispielsweise: Ausreichende Flüssigkeitsversorgung, Behandlung eines Eisen- oder Vitaminmangels, Optimierung von Schlaf und Stoffwechsel, Rauchstopp und Behandlung kardiovaskulärer Risikofaktoren. Bei orthostatischer Intoleranz oder POTS können außerdem Flüssigkeit, individuell angepasste Salzaufnahme und Kompression sinnvoll sein, sofern keine Gegenanzeigen bestehen. Bei Patienten mit klarer post-exertioneller Malaise ist wiederum Vorsicht mit klassischen Trainingsprogrammen geboten. Eine starre kontinuierliche Belastungssteigerung kann Beschwerden verschlechtern. Hier ist häufig ein individuelles Pacing, also das Einhalten der persönlichen Belastungsgrenze, sinnvoller.
Entzündung möglicherweise nicht nur hemmen, sondern auflösen Ein besonders interessanter Forschungsbereich betrifft die aktive Auflösung von Entzündungen. Eine Entzündungsreaktion endet nicht einfach dadurch, dass weniger entzündungsfördernde Botenstoffe gebildet werden. Der Körper produziert spezielle Lipidmediatoren, die die Rückkehr zur normalen Gewebefunktion aktiv fördern. Dazu gehören Resolvine, Protectine, Maresine und Lipoxine. Aus den Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA entstehen zunächst unter anderem 18-HEPE, 17-HDHA und 14-HDHA, aus denen weitere sogenannte spezialisierte pro-resolvierende Mediatoren gebildet werden können. Bei COVID wurden Veränderungen dieses Lipidmediatorstoffwechsels beschrieben. Damit entsteht die interessante Hypothese, dass bei einem Teil der Patienten möglicherweise nicht ausschließlich „zu viel Entzündung“, sondern auch eine unzureichende Entzündungsauflösung beteiligt sein könnte. Eine LC-MS/MS-Analyse entsprechender Lipidmediatoren ist wissenschaftlich interessant, ihre Interpretation für einzelne Patienten ist allerdings noch nicht standardisiert. DOI: 10.1016/j.smim.2022.101597
Oxidativer Stress als gemeinsame Schnittstelle Oxidativer Stress könnte viele dieser Prozesse miteinander verbinden. Er kann
- Proteine des Erythrozytengerüstes verändern,
- Membranlipide oxidieren,
- die Funktion des Endothels beeinträchtigen und
- Mitochondrien zusätzlich belasten.
Ein interessanter Marker ist hierbei die Paraoxonase-1, PON-1. Dieses an HDL gebundene Enzym kann oxidierte Lipide abbauen. Bei COVID wurden verminderte PON-1-Aktivitäten beschrieben. DOI: 10.1177/15353702221128563 Auch die intravenöse Sauerstofftherapie ist in diesem Zusammenhang wissenschaftlich interessant. In älteren kleinen Untersuchungen wurde nach wiederholter Anwendung eine Zunahme der PON-1-Aktivität beobachtet. Eine weitere kleine Studie berichtete über eine gesteigerte Expression der 15-Lipoxygenase-1 in eosinophilen Granulozyten. Dieses Enzym ist unter anderem an Signalwegen beteiligt, aus denen auch pro-resolvierende Lipidmediatoren entstehen können. DOI: 10.1159/000089012 DOI: 10.1016/j.plefa.2004.03.022
Diese Befunde sind mechanistisch interessant, stellen aber keinen klinischen Wirksamkeitsnachweis bei Long COVID dar. Entsprechende kontrollierte Long-COVID-Studien fehlen bislang.
Das größere Bild Long COVID scheint keine Erkrankung mit nur einem einzigen Mechanismus zu sein. Bei unterschiedlichen Patienten könnten verschiedene Faktoren unterschiedlich stark beteiligt sein: Anhaltende Immunaktivierung, Virus- oder Antigenpersistenz, Reaktivierung latenter Viren, Autoimmunmechanismen, Dysautonomie, Endotheldysfunktion, Gerinnungs- und Erythrozytenveränderungen, oxidativer Stress, gestörte Entzündungsauflösung und mitochondriale Dysfunktion.
Besonders spannend erscheint dabei die Verbindung: Zellgerüst → Erythrozytenverformbarkeit → Mikrozirkulation → Sauerstoffversorgung → Mitochondrien → Energieproduktion.
Die in der Kapillarmikroskopie sichtbaren Granula und ein diskontinuierlicher Blutstrom könnten dabei ein funktioneller Hinweis auf gestörte Fließeigenschaften des Blutes sein. Sie sind jedoch kein spezifischer Beweis für eine einzelne Ursache. Gerade deshalb könnte künftig die Kombination verschiedener diagnostischer Ebenen besonders hilfreich werden:
- Kapillarmikroskopie für die Mikrozirkulation,
- Hämorheologie für die Erythrozytenmechanik,
- metabolische Diagnostik für den Energiestoffwechsel sowie
- Redox- und Lipidmediatoranalysen für oxidativen Stress und Entzündungsauflösung.
So könnte aus dem zunächst unspezifischen Symptom „Erschöpfung“ zunehmend ein differenzierteres Bild verschiedener biologischer Funktionsstörungen entstehen.
Literatur – Auswahl mit DOI
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Mit freundlichen Grüßen
Dr. med. Dirk Wiechert Facharzt für Allgemeinmedizin |
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Dr. med. Dirk Wiechert
Facharzt für Allgemeinmedizin
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